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SAP EWM in der Lebensmittelindustrie: Chargen, FEFO und Rückverfolgbarkeit (2026)

SAP EWM in der Lebensmittel- und Getränkeindustrie

SAP EWM in der Lebensmittelindustrie macht mit Chargenverwaltung, Kommissionierung nach Verfallsdatum (FEFO), Prüfung der Haltbarkeit und Catch Weight Management nachvollziehbar, wo sich jedes Produkt im Lager befindet, wann es verdirbt und an welchen Kunden es geht.

Für Lager mit Lebensmitteln und Getränken haben diese Funktionen besonderes Gewicht. Ein Fehler verzögert hier nicht nur eine Lieferung, sondern kann zur Vernichtung von Ware, zu Reklamationen oder zu einem Produktrückruf führen.

In diesem Leitfaden zeigen wir zuerst, was Lager in dieser Branche von anderen unterscheidet. Danach erklären wir, mit welcher Funktion SAP EWM jede dieser Herausforderungen löst und worauf Sie vor einem Projekt achten sollten.

Was unterscheidet Lager für Lebensmittel und Getränke von anderen Lagern?

In einem Ersatzteillager kann ein Produkt jahrelang im Regal liegen. In einem Lager für Lebensmittel läuft dagegen die Zeit. Dieser grundlegende Unterschied erschwert die Lagerverwaltung in mehreren Punkten.

Kurze Haltbarkeit und Mindesthaltbarkeitsdatum

Milchprodukte, frische Lebensmittel und viele Getränke verderben schnell. Deshalb reicht es nicht zu wissen, wie viele Einheiten eines Produkts vorhanden sind; auch das Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) jeder Charge muss bekannt sein. Wird Ware mit nahem MHD nicht zuerst ausgeliefert, verdirbt sie im Regal und muss vernichtet werden. Das verursacht direkte Kosten.

Rückverfolgbarkeit von Chargen und gesetzliche Vorgaben

Neben der Haltbarkeit spielt auch das Lebensmittelrecht eine Rolle. Die Verordnung (EG) Nr. 178/2002 verpflichtet Lebensmittelunternehmen, Produkte entlang der Lieferkette einen Schritt zurück zum Lieferanten und einen Schritt vor zum Kunden zurückverfolgen zu können.

In der Praxis bedeutet das: Für jede Charge im Lager muss erfasst sein, von welchem Lieferanten sie stammt und an welchen Kunden sie geht. Wer bei einem Verdacht auf Kontamination die betroffenen Chargen nicht schnell findet, muss unter Umständen eine deutlich größere Produktgruppe zurückrufen als nötig.

Kühlkette und unterschiedliche Temperaturzonen

Im selben Lager können Tiefkühlware, gekühlte Ware und Ware für Raumtemperatur nebeneinander liegen. Jedes Produkt muss in die richtige Temperaturzone. Eine Palette im falschen Bereich kann zum Totalverlust der Ware führen.

Produkte mit variablem Gewicht

Käse, Fleisch oder Fisch werden in Stück gezählt, aber nach Gewicht abgerechnet. Ein Beispiel: Im Lager kommen 10 Laibe Käse an, doch jeder Laib wiegt anders, etwa 9,7 kg oder 10,4 kg. Bestellt ein Kunde 100 kg, muss das System sowohl die Zahl der Laibe als auch das tatsächliche Gewicht kennen. Ein System, das mit einem festen Durchschnittsgewicht arbeitet, erzeugt hier laufend Differenzen in Bestand und Rechnung.

Wie löst ein Lagerverwaltungssystem (WMS) diese Herausforderungen?

Diese vier Herausforderungen haben eines gemeinsam: Jede Warenbewegung muss detailliert und in Echtzeit erfasst werden. Mit Papier und Tabellen ist das langsam und fehleranfällig. Unternehmen der Lebensmittelindustrie setzen deshalb auf Lagerverwaltungssysteme (WMS).

Ein WMS steuert Aufträge, Bestände sowie eingehende und ausgehende Sendungen an einer Stelle. Da es mit ERP, Buchhaltung und E-Commerce integriert ist, müssen Informationen nicht manuell zwischen Abteilungen übertragen werden. Daraus ergeben sich folgende Vorteile:

  1. Effizienz: Da manuelle Arbeit automatisiert wird, erledigt dasselbe Team in derselben Zeit mehr.
  2. Bestandsgenauigkeit: Da das System jede Bewegung erfasst, sinkt das Risiko von Überbeständen und Fehlbeständen.
  3. Kosteneinsparungen: Mit weniger Fehlern sinken auch Zeit und Kosten für deren Korrektur.
  4. Transparenz: Da Führungskräfte das Geschehen im Lager in Echtzeit sehen, planen sie Ressourcen genauer.
  5. Kundenzufriedenheit: Wird das richtige Produkt zur richtigen Zeit versendet, erhält der Kunde seine Bestellung vollständig und pünktlich.

Nicht jedes WMS deckt jedoch die besonderen Anforderungen der Lebensmittelindustrie in derselben Tiefe ab. Für Unternehmen, die SAP einsetzen, bietet SAP EWM die umfassendste Antwort darauf.

Welche Funktionen bietet SAP EWM für Lebensmittel und Getränke?

SAP EWM bietet für jede der oben genannten Herausforderungen eine eigene Funktion. Die folgende Tabelle fasst die Zuordnung zusammen:

Herausforderung im Lager
Funktion in SAP EWM
Nutzen
Kurze Haltbarkeit
FEFO Strategien für Einlagerung und Kommissionierung
Ware mit nahem Verfallsdatum wird zuerst ausgeliefert
Wareneingang mit zu kurzer Restlaufzeit
Prüfung der Haltbarkeit im Wareneingang
Chargen mit zu kurzer Restlaufzeit werden vor der Einlagerung erkannt
Rückverfolgbarkeit von Chargen
Chargenverwaltung und Verfolgung von Handling Units (SSCC)
Herkunft und Empfänger jeder Charge sind nachvollziehbar
Qualitätsprüfung
Integration mit SAP QM (QIE)
Prüfung im Wareneingang oder vor dem Versand
Temperaturzonen
Lagertypen und Einlagerungsregeln
Ware wird automatisch in die richtige Zone geleitet
Variables Gewicht
Catch Weight Management
Stückzahl und tatsächliches Gewicht werden gleichzeitig geführt

Chargenverwaltung und Rückverfolgbarkeit über den gesamten Ablauf

SAP EWM verfolgt jedes Produkt über seine Chargennummer und identifiziert Paletten oder Kartons als Handling Unit mit einer eindeutigen Nummer, meist der SSCC. So ist im System erfasst, von welchem Lieferanten eine Charge stammt, auf welchen Lagerplätzen sie liegt und an welchen Kunden sie versendet wurde.

Kommissionierung nach Verfallsdatum mit FEFO

Sind die Chargendaten erfasst, folgt der nächste Schritt: Diese Daten fließen in die Kommissionierung ein. Die Strategie FEFO (First Expired, First Out) in SAP EWM schlägt bei der Kommissionierung zuerst die Charge mit dem nächsten Verfallsdatum vor. Lagermitarbeiter müssen die richtige Palette also nicht selbst suchen, und Verluste durch verdorbene Ware gehen zurück.

Prüfung der Haltbarkeit im Wareneingang

FEFO sorgt dafür, dass Ware in der richtigen Reihenfolge das Lager verlässt. Kommt jedoch bereits Ware mit zu kurzer Restlaufzeit ins Lager, kann FEFO das nicht lösen. SAP EWM kann deshalb im Wareneingang die verbleibende Haltbarkeit prüfen. Liegt sie unter dem definierten Grenzwert, kennzeichnet das System die Ware, und über ihre Einlagerung wird entschieden, bevor sie in den Bestand gelangt.

Qualitätsprüfung durch die Integration mit SAP QM

Lebensmittelsicherheit hängt nicht nur von Daten ab. Manche Produkte müssen vor der Einlagerung eine Qualitätsprüfung durchlaufen. SAP EWM ist über die Quality Inspection Engine (QIE) mit SAP QM integriert. So lassen sich Prüfungen im Wareneingang oder vor dem Versand direkt in die Prozesse einbinden, und Ware, die die Prüfung nicht besteht, gelangt nicht in den verfügbaren Bestand.

Einlagerung nach Temperaturzonen

Ware, die die Prüfung bestanden hat, muss an den richtigen Platz. In SAP EWM lässt sich jede Temperaturzone als eigener Lagertyp abbilden, und Einlagerungsregeln leiten die Ware automatisch in den passenden Bereich. Fehler wie Tiefkühlware in einem Regal mit Raumtemperatur werden so bereits auf Systemebene verhindert.

Variables Gewicht mit Catch Weight Management

Zurück zum Beispiel mit dem Käse: Das Catch Weight Management von SAP EWM verwaltet ein Produkt gleichzeitig in einer zählbaren Einheit (Laib oder Karton) und einer messbaren parallelen Einheit (Kilogramm). Da im Wareneingang, bei der Kommissionierung und im Versand das tatsächliche Gewicht erfasst wird, stimmen Bestand und Rechnung überein.

Mehrere Lager auf einer Plattform

Alle diese Funktionen arbeiten bei Unternehmen mit mehreren Lagern nach denselben Regeln. Da SAP EWM Lager an verschiedenen Standorten auf einer Plattform verwaltet, braucht nicht jedes Lager ein eigenes System, und der Standort einer Charge ist auf einem Bildschirm sichtbar.

Beispiel: Ein Produktrückruf mit SAP EWM

Wie diese Funktionen zusammenwirken, zeigt ein Beispiel. Angenommen, ein Hersteller von Milchprodukten erfährt, dass bei einer Rohstoffcharge seines Lieferanten der Verdacht auf Kontamination besteht.

In einem Lager ohne Chargenverfolgung weiß das Unternehmen nicht, welche Produkte betroffen sind, und muss womöglich alle Lieferungen aus diesem Zeitraum zurückrufen. In einem Lager mit SAP EWM lässt sich dagegen ausgehend von der Chargennummer schnell auflisten, auf welchen Lagerplätzen die betroffenen Produkte liegen und an welche Kunden sie geliefert wurden.

Die Chargen im Lager werden gesperrt, und bei bereits versendeter Ware werden nur die betroffenen Kunden kontaktiert. So beschränkt sich der Rückruf auf die betroffenen Chargen statt auf die gesamte Produktgruppe.

Von SAP WM zu SAP EWM: Was hat sich geändert?

Viele dieser Funktionen gab es im klassischen SAP WM gar nicht oder nur eingeschränkt. Deshalb zeigt auch die Roadmap von SAP klar auf EWM: Die Unterstützung im Kompatibilitätsmodus für das klassische WM in S/4HANA endete am 31. Dezember 2025. Für Unternehmen, die WM auf SAP ECC nutzen, läuft die Standardwartung bis Ende 2027, die optionale erweiterte Wartung bis 2030.

Für Unternehmen mit einfachen Lagerprozessen kann Stock Room Management in S/4HANA eine Option sein. Für Unternehmen der Lebensmittelindustrie mit Anforderungen wie Chargenverfolgung, FEFO und Qualitätsintegration ist SAP EWM jedoch die strategische Lösung. Weitere Details finden Sie in unseren Beiträgen zu den Hauptfunktionen von SAP EWM und zur Zukunft von SAP EWM.

Worauf sollten Sie vor einem Projekt achten?

Dass die Funktionen vorhanden sind, macht ein Projekt noch nicht automatisch erfolgreich. Nach unserer Erfahrung werden in Projekten der Lebensmittelindustrie vor allem diese vier Punkte übersehen:

  1. Bestehende Struktur in WM bewerten: Wenn Sie in S/4HANA das klassische WM nutzen, planen Sie den Zeitplan Ihrer Migration entsprechend, da die Unterstützung im Kompatibilitätsmodus beendet ist.
  2. Branchenspezifische Anforderungen früh definieren: Chargenverwaltung, FEFO, Prüfung der Haltbarkeit und Qualitätsprüfung erfordern mehr Konfiguration als die Standardszenarien von EWM. Wer sie bereits im Design klärt, vermeidet teure Änderungen zu einem späteren Zeitpunkt.
  3. Bedarf an Catch Weight früh festlegen: Catch Weight Management erfordert die Aktivierung einer eigenen Business Function in EWM und im ERP. Produkte mit variablem Gewicht sollten deshalb bereits zu Projektbeginn bekannt sein.
  4. Lizenzumfang prüfen: In SAP EWM kann die Nutzung bestimmter Funktionen die Lizenzkategorie verändern. Wer zuerst die benötigten Funktionen klärt und dann über die Lizenz entscheidet, vermeidet Überraschungen im Budget.

SAP EWM Beratung bei MDP Group

Bei MDP Group begleiten wir viele Unternehmen aus der Branche für Lebensmittel und Getränke, von der Einführung von SAP EWM bis zur Migration aus dem klassischen WM. Nach unserer Erfahrung entscheidet in dieser Branche vor allem eines über den Erfolg: Die Regeln für Chargenverwaltung und FEFO müssen am tatsächlichen Betrieb des Unternehmens ausgerichtet sein.

Systeme, die mit Standardeinstellungen produktiv gehen, kollidieren oft mit den Gewohnheiten der Lagermitarbeiter. Informationen zu unserer SAP EWM Beratung erhalten Sie direkt von unseren Beratern.

SAP EWM in der Lebensmittelindustrie: Häufig gestellte Fragen

Welches Lagerverwaltungssystem eignet sich für Unternehmen der Lebensmittelindustrie?

Nötig ist ein WMS, das Chargenverfolgung, Kommissionierung nach Verfallsdatum (FEFO), Qualitätsprüfung und Catch Weight Management in einem System bietet. Für Unternehmen, die SAP einsetzen, deckt SAP EWM diese Anforderungen vollständig integriert mit dem ERP ab.

Wie verwaltet SAP EWM Mindesthaltbarkeitsdaten?

SAP EWM erfasst das Verfallsdatum jeder Charge und schlägt bei der Kommissionierung mit der Strategie FEFO zuerst die Charge mit dem nächsten Datum vor. Im Wareneingang prüft das System die Restlaufzeit, damit Ware mit zu kurzer Haltbarkeit erkannt wird, bevor sie in den Bestand gelangt.

Erfüllt SAP EWM die Anforderungen der EU an die Rückverfolgbarkeit?

SAP EWM erfasst über Chargen und Handling Units, von welchem Lieferanten jedes Produkt stammt und an welchen Kunden es geht. Damit deckt es den Lagerteil der Rückverfolgbarkeit nach Verordnung (EG) Nr. 178/2002 ab. Für die vollständige Erfüllung müssen auch Produktion und Vertrieb dieselben Daten verarbeiten.

Kann SAP EWM Produkte mit variablem Gewicht verwalten?

Ja. Catch Weight Management verwaltet Produkte wie Käse, Fleisch oder Fisch gleichzeitig nach Stückzahl und tatsächlichem Gewicht. Dafür muss in EWM und im ERP jeweils eine eigene Business Function aktiviert werden.

Wird SAP WM noch unterstützt?

Die Unterstützung im Kompatibilitätsmodus für das klassische WM in S/4HANA endete am 31. Dezember 2025. Für Unternehmen mit WM auf SAP ECC läuft die Standardwartung bis Ende 2027. Neue Entwicklungen liefert SAP nur noch für EWM.

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